Der Journalist Roman Grafe und Hardy Schober in der Stadt- und Kreisbibliothek mit Lessing-Regelschüern
Als Hardy Schober gestern die Greizer Bibliothek betrat, in der die Achtklässler der Lessing-Regelschule auf ihn warteten, war ihm nicht anzumerken, dass ihm der Gang schwerfiel. Die Jugendlichen, die dort saßen, sind ungefähr im gleichen Alter wie seine Tochter vor gut einem Jahr war.
Greiz. Jana lebt nicht mehr, sie wurde am 11. März 2009 beim Amoklauf in Winnenden erschossen. Dieses Schulmassaker war auch der Grund, weshalb es Schober nach Greiz verschlagen hatte. Gemeinsam mit Autor Roman Grafe wollte er mit den jungen Leuten über Gewalt an Schulen reden. Schober und Grafe haben nach dem Amoklauf in Winnenden unabhängig voneinander Aktionsbündnisse ins Leben gerufen. Beide verfolgen ähnliche Ziele, unterscheiden sich jedoch in der Intensität der Forderungen. Während Roman Grafes Initiative ein rigoroses Verbot von tödlichen Sportwaffen fordert, sind Hardy Schober und seine Mitstreiter dafür, großkalibrige Waffen verbieten zu lassen. Einig sind sich beide Männer jedoch, dass sich nach den Amokläufen an Schulen wie in Erfurt oder Winnenden so gut wie noch nichts in puncto Waffengesetz getan habe. Hardy Schober versuchte, den Schülern zu erklären, welche Kraft eine großkalibrige Waffe hat. "In Winnenden benutzte der Täter eine Neun-Millimeter-Waffe. Selbst eine Ziegelmauer könnte euch da keinen Schutz bieten", so Schobert, der den Jugendlichen auch erläuterte, warum er sich bereits kurz nach dem Tod seiner Tochter so für das Aktionsbündnis und die inzwischen entstandene Stiftung gegen Gewalt an Schulen eingesetzt hat: "Das ist meine Art Trauerbewältigung." Ohne den gewaltsamen Tod seines Kindes, gab er zu, hätte er sich gewiss nie mit solcher Kraft für das Verbot der Großkaliberwaffen und von Killerspielen eine weitere Forderung eingesetzt. "Zeitweise war ich fast nicht mehr zu bremsen, habe 18, 20 Stunden am Tag gearbeitet", erzählt Hardy Schober.
Schober versuchte es zu verbergen, doch die Antworten auf die Fragen nach dem Tathergang und wie er erfahren hat, dass seine Tochter zu den Opfern gehörte, gingen ihm nicht leicht über die Lippen. "Meine Tochter ist mit einem Schuss in den Hinterkopf getötet worden", sagt er. Als der Täter gemerkt hat, dass er offenbar die "falsche" Klasse erwischt hatte, habe er seinen tödlichen Zug durch die Schule an anderer Stelle fortgeführt. "Meine Tochter war zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Sie war das dritte Opfer, sie hatte keine Chance", erzählt ihr Vater. Natürlich wissen Hardy Schober und Roman Grafe in Anspielung auf den Amoklauf im bayerischen Ansbach, dass auch mit Messer, Axt oder Molotow-Cocktails Menschen verletzt oder getötet werden können. "Doch mit einem Fingerwackeln so viele Menschen in so kurzer Zeit umzubringen, das geht nur mit Waffen", bringt es Autor Grafe auf den Punkt. Deshalb setzt er sich dafür ein, dass tödliche Sportwaffen verboten werden. Als Vertreter der beiden Aktionsbündnisse werden Hardy Schober und Roman Grafe am 18. Juni Listen mit tausenden gesammelten Unterschriften an den Bundestag übergeben. Enttäuscht muss Grafe jedoch zugeben, dass er sich bedeutend mehr Resonanz auf seinen Vorstoß erhofft hatte: Gerade einmal 8000 Befürworter konnten er und seine Mitstreiter zur Unterschrift bewegen. Was ihn zu der ernüchternden Annahme bringt, dass die Lobby der zwei Millionen Sportschützen in Deutschland offenbar größer sei als zunächst angenommen.
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